Reisen ist toll, sagt nicht nur das Nähkästchen

Beitrag von Heidi Bisang

Liebe Leute

Reisen ist toll, sagt nicht nur das Nähkästchen

Gestern gegen Abend sind wir nach einem langen Fahrtag inkl. Piquenique in Cali angekommen. Eine laute, nicht speziell schöne Stadt (jedenfalls, was wir von ihr gesehen haben). Logiert und gegessen haben wir in einem Stadthotel (komfortabel, aber nichts besonderes), das aber eine wunderbare Gartenwirtschaft – über die Straße direkt am Fluss gelegen – hatte. Dorthin wollte wir nach dem Essen noch zu einem Schlummertrunk, aber denkste, nach einer gefühlten Ewigkeit (wohl etwa ½ Stunde) bekamen wir noch immer keinen Tisch zugewiesen (wait to be seated), also ließen wir es bleiben und gingen ins Straßencafé nebenan. Kaum saßen wir ging ein Riesengewitter mit Regengüssen nieder, die ganze Gartenbeiz musste schleunigst geräumt werden und wir waren die lachenden Dritten, denn wir wurden vom Wirt himself herein ins Trockene gebeten. Dieser sprach perfekt deutsch, er sei lange Jahre in Deutschland gewesen. Auf meine Frage, ob er denn nicht Deutscher sei, sagte er, nein, er komme aus Colombier !!! (für die Deutschen Leser, das ist ein Städtchen in der französischen Schweiz).

Heute nun war eine kurze Fahrt nach Popayan angesagt. Kurz nach 1 Uhr (inkl. Piqieniquehalt) waren wir schon im Hotel. Ein herrliches altes Stadthaus mit Innenhöfen, wie wir sie schon in Mexiko kennen gelernt haben. Mein Zimmer hat ein winziges Balkönlein, das auf einen kleinen Innenhof geht, der von einem Orangenbaum voller orange leuchtender Früchten beherrscht wird.

Um 14.30 Uhr holte uns die lokale Reiseleiterin zur Stadtbesichtigung ab. Kaum weggelaufen fragte uns diese, ob wir einverstanden seien, wenn uns die Polizei begleiten würde, auf dass wir ganz sicher vor Taschen- und anderen Dieben seien. Die zwei dazu abkommandierten Polizisten haben uns während der ganzen 3 Stunden, die wir durch die Stadt gewandert sind, begleitet. Auf jeder Straße, die wir überquerten, wurde kurz der Verkehr angehalten!! Auf einen – von Indios aufgeschütteten Hügel – wollten zwei nicht mitgehen und 2 langsamere (eine davon bin ich) nahmen den etwas steilen Aufstieg gemütlicher in Angriff. Da wurden kurzerhand zwei weitere Polizisten geordert, auf dass ja keine/r von uns auch nur eine Sekunde alleine gelassen werde. Die kamen dann auf Motorrädern mit Blaulicht angebraust und blieben bis die ganze Truppe wieder beieinander war. Ich wollte auf dem Heimweg, keine 5 Minuten vom Hotel entfernt, rasch Geld aus einem Automaten holen, auch da blieb der nette Polizist hinter mir stehen, damit niemand auf den Gedanken kommen könnte, mich zu bestehlen. Wer ist da neidisch!? Denn hübsch und jung und freundlich waren sie erst noch unsere Freunde und Helfer.

Popayan ist eine hübsche Stadt, bis jetzt die schönste (zieht etwa gleich mit Cartagena), die wir in Kolumbien kennen lernen konnten. Sie wird die weiße Stadt genannt und sie wird ihrem Namen total gerecht. Über 90% aller Häuser in der Altstadt sind Schneeweiß gestrichen. Das kommt von der uralten Vorschrift, die Häuser weiß zu tünchen um Schädlinge abzuhalten. Vor den Fenstern hat’s sehr oft kleine schmiedeeiserne Balkone. Das Stadtgebiet ist auch Erdbebenzone, daher sind die meisten Häuser nur 1 bis 2 stöckig. Zudem ist Popayan eine alte Universitätsstadt, d.h. man sieht überall junge Leute. Heute haben die Studenten allerdings mit einer größeren Demo für oder gegen was protestiert und versammelten sich gerade auf dem Hauptplatz als wir auf dem Heimweg dort vorbeikamen. Unseren Polizeibeschützern war das sichtlich peinlich, sie lotsen uns dann auf einem Seitengässlein zurück ins Hotel, damit wir ja nicht in eine „Druggete“ kommen. Dabei schien mir dieser Protestmarsch nicht tierisch ernst gewesen zu sein, das ganze schien recht fröhlich. Ein Erstmaiumzug bei uns scheint dagegen wie ein Beerdigungszug.

Jetzt gehe ich schlafen und zwar ohne Klimaanlage, mit offenem Fenster. Wir sind hier auf  ca. 1600 Meter, das bringt angenehm kühle Nächte. Morgen starten wir schon um 8Uhr, da heisst es 6.30h aus den Federn.

Hasta luego

Heidi

 

Nachtrag:

Natürlich haben wir nicht nur die Polizeieskorte genossen. Nein, wir konnten, obwohl eigentlich geschlossen, auch die Universität bzw. deren Aula besichtigen. Ein schöner Saal mit einem Riesengemälde an der Stirnseite, das die Geschichte der Stadt erzählt von den Indios bis heute. Übrigens stellt Popayan die meisten Präsidenten Kolumbiens. Im ältesten Hotel am Platze durfte wir in die Innenhöfe, denn dort ist in einem ein altes Wasserreservoir zu sehen, denn schon im 17. Jahrhundert wurden die Häuser der reichen Leute mit fließendem Wasser versorgt. In einem Hinterhof eines anderen (öffentlichen) Gebäudes war gerade eine Kindertanzgruppe (Volkstanz) am üben. Wir haben uns den ganzen Tanz angesehen und heftig applaudiert, was die Knirpse (ca. 10-12jäheige Buben und Mädchen) sichtlich verlegen machte aber auch genauso erfreute. In einem Lädele bäckt die älteste Bäckerin der Stadt (sie ist über 90) die köstlichsten Biskuits. Da konnten wir unseren Vorrat für den Kaffee im Bus wieder auffrischen. Kurz ein rundum toller, gelungener Nachmittag hat uns diese Stadt beschert.

So jetzt gehe ich aber wirklich schlafen. Bei Euch ist ja schon Sonntag, geniesst das Wochenende.

Buenas noches

Heidi